17/06/2021

„Et löpt“

Über Dorfentwicklung in Mecklenburg.
Hans Hüller, Bürgermeister der Gemeinde Witzin, im Interview

Witzin – „ein Dorf zum Verweilen, ein Dorf zum Bleiben“, so empfängt das Ortsschild Gäste. Und das Motto wirkt. Seit Jahren verzeichnet die Gemeinde guten Zuwachs. Durch Erfindungsreichtum, unkonventionelle Ideen und ein vielfältiges Vereinsleben hat sich das Dorf einen Namen gemacht. Witzin war „Neulandgewinner“-Projekt, belegte den 3. Platz im Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ und wurde von der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern für den „Engagementpreis 2021“ vorgeschlagen. Im letzten Jahr hat Witzin eine Förderung durch LAND INTAKT erhalten.
Die Fragen stellte Lina Lindenbacher

Herr Hüller, seit 2014 sind Sie Bürgermeister von Witzin. Ihre Gemeinde zählt rund 460 Bewohner*innen und wächst stetig. Woran liegt das? Was zieht die Menschen nach Witzin?

Die Gemeindevertretung hat in den letzten sieben bis acht Jahren aktiv daran gearbeitet, die Lebensqualität durch das Einwerben von Fördergeldern und Investitionen in die Infrastruktur unseres Dorfes zu steigern. Kleinere wie größere Projekte wurden umgesetzt, wie der Ausbau des Kindergartens und der Umbau einer alten Skaterhalle zur modernen Multifunktionshalle. Auch öffentliche Plätze und der Ortskern wurden aufgewertet. Zum Beispiel wurden viele Sitzbänke angeschafft, interessante Spielplätze gebaut und der Festplatz erneuert. Durch die enge Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Kindergarten, der Kirche und der Freiwilligen Feuerwehr sowie den örtlichen Vereinen konnte eine Vielzahl von Veranstaltungen durchgeführt werden, die über die Gemeindegrenzen hinweg einen großen Bekanntheitsgrad erzielt haben. Diese Kombination hat dazu geführt, dass besonders junge Familien sich für den Standort Witzin interessieren, leerstehende Häuser übernehmen und renovieren. Das belebt unseren Ort maßgeblich.

Welche Bedeutung hat die Kultur in Ihrer Gemeinde?

Kultur wird bei uns sehr groß geschrieben. Denn nur durch eine gelebte Kultur ist ein gemeinschaftliches Zusammenleben überhaupt möglich. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht streiten darf, wenn Meinungen durch Alter, Bildung, persönliches Umfeld unterschiedlich sind. Kultur bringt alle Menschen zusammen, sei es beim gemeinsamen Tanzen, auf dem Fest beim Bierchen oder beim Sport. Diese wertvollen persönlichen Begegnungen gehen uns manchmal in der digitalen Welt verloren.

Wir hatten letztes Jahr die große Freude, Sie in Witzin persönlich zu treffen. Da haben Sie uns mitgenommen, uns Orte und Menschen vorgestellt. Wir waren begeistert, wie engagiert und vielfältig sich die Bewohner*innen einbringen. Ist gesellschaftliches Engagement ansteckend?

Ansteckend möchte ich nicht sagen. Denn die Entscheidung, ein Ehrenamt zu übernehmen, muss ja von innen kommen und jeder wächst da mit seinen Aufgaben. Bei uns im Dorf gibt es zwei große Mottos: „Alles kann, nichts muss!“ und „Deine Idee, du setzt den Hut auf und wir unterstützen dich“. Wenn junge Familien nach Witzin ziehen, werden sie von den Anwohnern zunächst in Ruhe gelassen. Die müssen erst mal ankommen, sich um ihr Zuhause und die Kinder kümmern. Es kommt aber die Zeit, wo die Familien das erste Mal ein Dorffest, eine Weihnachtfeier oder ein Drachenfest besuchen. Und hier beginnen häufig die ersten gemeinsamen Schritte, je nach Interesse.

Ihre Gemeinde war „Neulandgewinner“-Projekt und ist seit April 2020 Netzwerkstandort.Das Dorf ist damit einer von vier Orten im östlichen Deutschland, die Erfahrungs- und Wissensaustausch und bürgerschaftliches Engagement organisieren. Wie kam es dazu?

Aus dem Förderprojekt der Robert-Bosch-Stiftung hat sich im Laufe der Jahre der Verein Neulandgewinnen e.V. entwickelt, in dem wir aktiv sind. Die Gemeinde Witzin hat durch den Erfahrungsaustausch auch selbst sehr profitiert. Wir möchten nun Menschen in der Breite vor Ort ansprechen, die neue Wege gehen wollen. Der Verein hat regionale Knoten gegründet, um bei der Umsetzung dieser Ideen zu unterstützen. Für die Zukunft planen wir Lernreisen für wissensdurstige Menschen, die selbst Projekte verwirklichen möchten. Wir stehen gerne mit Rat und Tat zur Seite.

2020 wurde die alte Skaterhalle im Dorf zu einer modernen, barrierefreien Multifunktionshalle umgebaut. Mit Mitteln aus LAND INTAKT wurde die Ausstattung (unter anderem Präsentationstechnik, Mobiliar, Gastronomieausstattung) finanziert. Welche Bilanz ziehen Sie?

Zwei Tage nach der Übergabe des Zuwendungsvertrages musste die noch leere Halle aus gegebenem Anlass vorübergehend geschlossen werden. Aber! Mit jedem Tisch, Stuhl, Schrank, Geschirr, mit Kinoleinwand und Theatervorhang kam Leben in die Räume. Immer mehr Menschen zeigten Interesse daran, einen Blick zu erhaschen und machten sich ihre eigenen Gedanken für die Nutzung. Deshalb sind die Räumlichkeiten trotz Corona fast komplett von Vereinen und Institutionen ausgebucht und auch von privater Seite liegen bereits Voranmeldungen vor. Meine persönliche Bilanz ist, dass die Halle in den nächsten Jahren vielen Menschen viel Freude bereiten wird und wir das Miteinander in Witzin noch weiter stärken können.

Kultur ist in den Ländern, mit Ausnahme von Sachsen, eine freiwillige Aufgabe. Kommunen stehen häufig vor der Situation, dass kaum Gelder zur Verfügung stehen. Wie sichern Sie kulturelle Angebote in Witzin?

Wie viele kleine Gemeinden in den ostdeutschen Bundesländern hat auch die Gemeinde Witzin nur einen begrenzten Verfügungsrahmen, um seine freiwilligen Ausgaben für kulturelle Zwecke abzudecken. Um auch größere Veranstaltungen oder Projekte umzusetzen, arbeiten wir mit allen Vereinen, Institutionen und lokalen Betrieben zusammen. Durch diesen Austausch finden wir immer gute Lösungen, um gemeinsam mit den lokalen Fachkräften, also den Handwerker*innen, Musiker*innen, Künstler*innen und den vielen Ehrenamtlichen, günstig Projektideen umzusetzen. Externe Unterstützung benötigen wir deshalb nur selten.

In Witzin ist ja schon viel im Gange. Wo sehen Sie das Dorf in Zukunft und welche Unterstützung wünschen Sie sich dafür?

Aktuell arbeiten wir daran, die Einwohnerzahl wieder auf 500 zu erhöhen, um dadurch die Gemeinde langfristig zu stabilisieren. Mit etwas Glück sollten wir dieses Ziel bis zum Jahr 2022 erreichen, wenn der Zuzug von jungen Familien weiter so anhält. Parallel arbeiten wir daran, dass die Gemeinde Witzin ein Bio-Energie-Dorf wird, um auch unseren Kindern ein lebenswertes Fleckchen Erde zu hinterlassen. Erste Schritte sind erfolgt, indem fast 80 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen um Witzin herum nur noch ökologisch bearbeitet werden. Wir hoffen, dass uns dies mit der Unterstützung von Land und Bund in den kommenden Jahren gelingt. Hilfreich wären dafür eine Entbürokratisierung und die Bereitstellung von interessanten Fördermöglichkeiten.

Dieser Beitrag von Lina Lindenbacher (Projektkoordination LAND INTAKT) und Claudia Ballschuh (Projektleitung LAND INTAKT) ist erschienen in der SOZIOkultur-Ausgabe 02-2021, „Kommune“.