25/09/2021

Soziokultur bedeutet selber machen

Delisha Garmon hat eine Passion für Projektarbeit auf dem Land

Delisha Garmon ist in Berlin Neukölln aufgewachsen. Heute ist sie Kulturmanagerin in Seelow, Brandenburg, und hat sich dort ihre Stelle selbst geschaffen. Delisha hat mehrere Vereine gegründet, (viele!) Förderanträge geschrieben und bezeichnet sich als Mutmacherin und kreativen Kopf. Sie unterstützt mit ihren Erfahrungen Menschen, die selbst aktiv werden möchten. Die Fragen stellte Lina Lindenbacher.

Liebe Delisha, du hast Kulturmanagement studiert und bist ausgebildete Mediengestalterin. Mehrere Jahre warst du als Dozentin für Medienbildung tätig. Was hat dich vom Großstadtdschungel aufs Land geführt?

Ich bin in Berlin großgeworden und habe hier meine Ausbildung absolviert. Für das Projekt „POP TO GO – unterwegs im Leben“ habe ich Musikcamps für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche filmisch begleitet. Ich habe dadurch meine Passion für Projektarbeit auf dem Land entdeckt: Kinder und Jugendliche an die Hand zu nehmen, sie aufzuwecken für ihre eigenen Talente und dabei auch Diversität zu zeigen ist gerade in ländlichen Gegenden wichtig, wo es häufig wenig soziokulturelle Angebote gibt. In Seelow bieten sich sehr viele Möglichkeiten, kulturelles Leben mitzugestalten. Ich bin auch froh, hier einen Rückzugsort gefunden zu haben, der mir in Berlin manchmal fehlte.

In Seelow bist du für zwei Initiativen tätig und bist seit ihrer Gründung mit an Bord. Wofür stehen die Kulturinitiative Seelow und der Kulturjurten Werbig e.V.?

Mit der Kulturinitiative Seelow („Kulti“) füllen wir das Kulturhaus mit inhaltlichem Leben. Künstler*innen wurden in Seelow lange Zeit vorwiegend eingekauft, um hier Kultur anbieten zu können. Wir gestalten soziokulturelle Angebote mit Kindern und Jugendlichen und für sie und machen alles selbst. Der Schwerpunkt liegt bei Kulti auf der Popularmusik. Jeden Sommer gibt es außerdem ein dreiwöchiges Musical-Ferien-Camp für Kinder und Jugendliche. Die jungen Teilnehmer*innen wachsen dabei über sich hinaus und die Ergebnisse können sich sehen lassen, das macht uns jedes Mal stolz.
Über den Verein Kulturjurten Werbig entsteht ein Jurtendorf nach mongolischem Vorbild. Wir möchten damit einen ganz besonderen nachhaltigen Raum für Kulturworkshops kreieren, gleichzeitig aber auch Übernachtungsmöglichkeiten schaffen. Die Vereinsgründung und der Erwerb eines Grundstückes standen am Anfang und haben viel Einsatz und Eigenleistung gefordert. Ich bin in beiden Vereinen im Vorstand und für die Kulturinitiative Seelow als Projektleitung tätig.

Durch LAND INTAKT wurden im Jahr 2020 Maßnahmen zur Umgestaltung eurer Vereinsräume gefördert. Was heißt es, sehr kurzfristig und hauptsächlich in ehrenamtlicher Arbeit, ein solches Projekt zu stemmen?

Die Förderung kam zur richtigen Zeit, denn wir hatten gerade unsere Räume im Kulturhaus bezogen. Diese waren zweckmäßig und nicht gemütlich, wir wollten sie für kulturelle Workshops nutzbar machen, sodass sich auch die Kinder und Jugendlichen hier wohlfühlen. Mit meiner Kollegin Nicole Schwichtenberg bin ich fast anderthalb Wochen nicht mehr aus unseren Vereinsräumen herausgekommen. Wir haben vor Ort intensiv ergründet, was machbar ist und was zum Fördergegenstand von LAND INTAKT passt. Wichtig war uns in erster Linie die Erneuerung des Bodens, eine umfassende Renovierung und eine Küchenzeile. Alles musste fix gehen.
Eine große Herausforderung bestand darin, die Gewerke auf Termin zu organisieren. An unserem Tag der offenen Tür ging der letzte Handwerker hinten zur Tür raus und vorn kamen unsere ersten Gäste rein. Das war insgesamt ein sehr sportlicher Akt, aber es hat funktioniert und wir haben viel positives Feedback für den neuen Look der Räume und einen gelungenen Festakt an diesem Tag bekommen.

Was zeichnet für dich Soziokultur auf dem Land aus?

Ein tolles Beispiel ist unser offener Chor in Seelow und die Begegnungen, die dadurch entstehen. Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Altersgruppen werden gemeinsam für eine Sache kreativ. Hier singt sowohl der Ex-Musicaldarsteller als auch der 13-jährige Schüler mit. Das ist klasse und genau für solche Angebote sollten auch noch mehr Räume auf dem Land geschaffen werden. Wenn man zusammenfindet und nicht jeder sein eigenes Ding macht, kann daraus etwas Wunderbares entstehen. Für mich bedeutet Soziokultur auf dem Land, gemeinsam aktiv zu werden für ein lebendiges Umfeld.
Persönlich möchte ich einen Beitrag leisten und Vereine begleiten. Gerade in der Vereinsgründungsphase stellen sich viele Fragen und man steht häufig ziemlich alleine da. Aus eigener Erfahrung weiß ich auch, wie aufwendig und zäh sich die Suche nach passenden Förderungen gestalten kann. Und dann sind da noch die administrativen Herausforderungen. Man braucht definitiv Biss und man sollte sich vernetzen.

Welche Art der Unterstützung wünscht ihr euch als Verein? Und wie sollten Förderangebote gestrickt sein, damit sie euch nutzen?

Eine strukturelle Förderung würden wir uns sehr wünschen, insbesondere, um langfristiger planen zu können. Wir hangeln uns wie die meisten Akteur*innen von Projektförderung zu Projektförderung.
Wir hatten vor kurzem eine Aushilfe für Social Media, die vieles bewegt hat. Wir möchten solche Menschen gerne halten und sie bezahlen können. Förderungen, die Personalmittel einschließen, sind Gold wert. Dabei geht es aber auch darum, neue Jobs auf dem Land zu schaffen und eine Perspektive zu bieten.
Wir kooperieren mit zahlreichen Einrichtungen, darunter einigen Schulen. Auch für die Pflege und Aufrechterhaltung dieser Kooperationsbeziehungen ist die eigene Stabilität extrem wichtig, wir begrüßen überjährige Förderungen daher sehr. Die nächsten Förderanträge sind schon auf dem Weg.

Was ist dir mit Blick auf die Zukunft noch wichtig?

Kulturelles Leben auf dem Land entwickelt sich neu und verändert sich. Für mich gehört unbedingt auch Vielfalt und Diversität dazu. Gerade für eine Person of Color ist es aber nicht selbstverständlich, als Akteur*in aufzutreten und gleichzeitig auch auf dem Land zu leben. Vorurteile und unterschwelligen Rassismus gibt es immer wieder. Durch die enge Anbindung an Berlin und Kooperationen mit Künstler*innen ist unser Team in Seelow inzwischen divers aufgestellt. Das ist uns sehr wichtig und daran arbeiten wir weiter. Ich würde mir wünschen, dass zukünftig noch mehr Akteur*innen den Mut haben, aufs Land zu ziehen und sich dort für eine offene Gesellschaft einbringen.

Mehr Informationen gibt es auf der Webseite des Vereins sowie auf der Seite von Delisha Garmon.


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